Ueber Bahnhöfe

Der spannende Artikel von E.Y. Meyer Bern hat mich sehr beeindruckt ….
mittlerweile ist auch Aarau geschleift und in Bern kann man sich in der Bahnhofpassage nirgends mehr hinsetzen …
ausser auf 2 ( ! ) mickrigen Notklappsitzen !

B A H N H Ö F E
Bahnhöfe spielten in meinem Leben früh eine Rolle und hätten ihm früh ein Ende setzen können.
Meine Eltern wohnten, als ich geboren wurde, im grössten Häuserblock, der bisher im Dorf gebaut worden war. Weil das mächtige neue Eckgebäude neben dem Bahnhof stand, wurde es Bahnhofblock genannt.
Mein Vater las viel, ass gern Schokolade und mochte Kioskfrauen. Als er einmal in ein Gespräch mit einem der Fräuleins am Bahnhof vertieft war, muss ich, zwei oder drei Jahre alt, zu den Geleisen hinuntergeklettert sein. Erst als ein Zug herangebraust kam, habe er mich entdeckt und noch rechtzeitig heraufholen können.
Obwohl das Dorf ein Verkehrsknotenpunkt war, bestand sein Bahnhof nur aus langen überdeckten Perrons und einem unscheinbaren Stationsgebäude mit Kiosk.
Die ersten grossen Bahnhöfe, die ich sah, waren der SBB-Bahnhof und der Badische Bahnhof in Basel. Riesige, bogenförmige Hallen. Verschmutzte Eisen-Glas-Konstruktionen. Gewaltige, tempelähnliche Hauptgebäude.
Vom Badischen Bahnhof aus fuhr die Familie in den Nachkriegsjahren zu den Verwandten im Dorf auf der anderen Seite des Rheins, aus dem meine Mutter stammte.
Weitere grosse Schweizer Bahnhöfe lernte ich kurz danach mit dem Vater meines Vaters kennen. Wie andere Männer in der Verwandtschaft arbeitete er bei der Bahn. Wie Brüder und Ehemänner seiner Schwestern.
Als Bahnangestellter, zunächst Geleisearbeiter, sogenannter Gramper, bei meiner Geburt noch Barrierenwärter, konnte er in der ganzen Schweiz gratis fahren. Auf seine Reisen nahm er, bis wir in die Schule kamen und Billette brauchten, meinen Cousin und mich mit.
Wir fuhren bis zur anderen Seite des Landes, ins Tessin, zur Madonna del Sasso, zum Monte Brè, und wir fuhren in die Mitte des Landes, in die Hauptstadt, die offiziell Bundesstadt heisst.
Mein Grossvater liebte Bahnhofbuffets. Wenn wir auf Züge warteten, trank er in den grossen Räumen ein Bier, ass einen Wurstsalat, rauchte eine Brissago.
An den Bundesstadtbahnhof habe ich aus dieser Zeit keine Erinnerung. Bleibende Eindrücke, die der erste Hauptstadtbesuch hinterliess, waren die ins Innere der Erde vorstossenden Tiefen und Weiten des Kornhauskellers.
Dass meine Faszination für Piranesis „Carceri“, diese erfundenen Bilder monumentaler antiker Kerker, die unsere inneren Unterwelten spiegeln, damit zusammenhängen mag, wurde mir erst kürzlich bewusst.
In der Realität und in meinem Gedächtnis auf beinahe obsessive Weise präsent wurde der alte Bahnhof der Stadt Bern während meiner Studentenzeit.
Wenn ich am Morgen nebliger Wintertage, von Biel angereist, aus dem lochartigen Portal beim Milchgässlein ins Freie trat, schlug mir ein fauliger Geruch entgegen, der so ekelerregend war, dass ich ihn wie einen körperlichen Schlag empfand, der mich fast in den Bahnhof zurückgeworfen hätte.
Obwohl ich einen geschlossenen Raum verliess, hatte ich das Gefühl, in die stinkende Mundhöhle eines Riesen zu treten.
Als ich die Universität zu besuchen begann, deren in einem gemischten Neurenaissancestil errichtetes Hauptgebäude auf der Anhöhe hinter dem Bahnhof steht, war der Lehrstuhl der Philosophie verwaist, und ich war es auch.
Mein Zufluchtsort wurde das Bahnhofbuffet. Ein Lokal in der Mitte der Stadt und doch nicht. Mitte war hier zugleich Anfang und Ende.
Ich konnte die Stadt betreten und verlassen, ohne aus der mit Fäulnis gefüllten Mundhöhle in den restlichen Körper des Riesen und dessen möglichen Schrecknissen vordringen zu müssen.
Der verstorbene Inhaber des Philosophielehrstuhls, Professor Gauss, war im Bahnhof zusammengebrochen. Man hatte im Kittel des Mannes, der für sein Schmieden von Schüttelreimen bekannt war, einen Zettel gefunden, auf dem geschrieben stand: „Wenn einer sich aufs Pflaster legt, er noch lang kein Laster pflegt.“
Den Totalabbruch des Bahnhofs, um Platz für einen funktionalistischen Neubau im Stil der internationalen Schuhschachtelarchitektur zu schaffen, empfand ich als ein Verbrechen.
Entsprechend fiel die Beschreibung der fast zwanzig Jahre lang bestehenden Abbau- und Neubaustelle am Anfang und am Ende meines ersten Romans aus, dem ich den Titel „In Trubschachen“ gab.
Am schmerzhaftesten für mich war der Verlust des Saals mit den Wandmalereien, der, wenn er auch in keiner Weise mit der Pracht des vielleicht schönsten Bahnhofrestaurants der Welt, dem Belle Epoque-Relikt „Le Train Bleu“ im Gare de Lyon in Paris, hätte verglichen werden können, das Herz und die Seele des Bahnhofs gewesen war.
Der neue Bahnhof hatte kein Herz und keine Seele mehr.
Der alte Bahnhof hatte über sich selbst hinaus in die Vergangenheit gewiesen, in eine Zeit, die älter als er selber war.
Der neue Bahnhof tat das nicht mehr. Er verwies nur noch auf sich selbst. Er tat so, als ob die tabula rasa möglich wäre. Der vollumfängliche Neuanfang. Der Neubeginn aus dem Nichts.
In Biel existiert das alt gewordene Bahnhofbuffet noch. Und es gibt den Jugendstilwartesaal mit den von Philippe Robert auf die hohen Wände gemalten Zyklen „Der Lebenslauf“, „Der Stundentanz“, „Die Jahreszeiten“.
Der alte Bieler Bahnhof ist auf eine grössere Vergangenheit gebaut. Der neue Berner Bahnhof auf Nichts.
Nach dem Ende meiner Studienzeit gab ich das Bahnfahren auf. Ich wurde Autofahrer. Mit der Bahn reiste ich nur noch in Ausnahmefällen. Zu Beerdigungen zum Beispiel. Wie kürzlich zu der meines ersten Verlegers nach Frankfurt am Main.
Während vielen Jahren, einem Jahrzehnt, holte ich ihn im Sommer zur Zeit der Hundstage im neuen Berner Bahnhof ab, um ihn ins Hotel Bellevue zu begleiten und mit ihm danach in der Aare zu schwimmen.
Ein Telegramm, das aus drei Wörtern bestand, kündigte ihm die Wärme des Flusswassers an: „Aaretemperatur neunzehn Grad“. Ein oder zwei Tage später traf ich ihn im Bahnhof.
Sieht man das Leben als Reise an, sind Bahnhöfe ein Teil der Reisepunkte. Sie sind Lebenspunkte. Haltestellen. Stationen.
In alten Bahnhöfen können alte Geschichten leben. In neuen Bahnhöfen nur noch neue.
Im Bahnhof von Bern konnte man vor dreissig Jahren ab und zu noch Menschen in Trachten sehen. Menschen vom Land. Männer in braunen Halbleinenanzügen. Frauen in Werktagstrachten, in Sonntagstrachten. Sie waren schon damals ein Kuriosum. Heute sieht man Menschen, die so gekleidet sind, kaum noch.
Der Unterschied zwischen alten und neuen Gebäuden ist, dass den neuen die Tiefe fehlt. Die Tiefe der Zeit. Die Tiefe, in der wir entstanden sind.
Deshalb ist es kein Zufall, wenn sich die so genannten Randständigen, die Menschen, die heute am Rand der Gesellschaft leben, im Winter auf der Suche nach Wärme im labyrinthischen Untergrund des Berner Bahnhofs gerade bei dessen ältesten Teilen versammeln.
Bei den wenigen Teilen, die gar keine Teile des Bahnhofs sind. Keine Teile des neuen und keine des alten Bahnhofs. Sondern Relikte eines viel älteren Bauwerks.
Und was diese Ausgegrenzten, diese an der heutigen Zivilisation erkrankten Menschen, diese Alkoholkranken, diese Drogenkranken, diese Armutskranken, diese Wohlstandskranken, was diese Reisenden in die Abgründe der menschlichen Seele bei den vereinzelt übriggebliebenen Mauerresten der letzten mittelalterlichen Stadtbefestigung suchen, lässt sich erahnen.
Es gibt im Berner Bahnhof, der sich seit einem Jahr wieder in einem Umbau beziehungsweise in einer erhofften Optimierungsetappe befindet, keine Geschichten, die älter sind als er selber.
Oder gibt es sie doch?

© COPYRIGHT E. Y. MEYER BERN 2002

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