Sternenmeer eine Geschichte von Lorenz Marti

DIE STERNE,
EINE LAMPE
UND EINE FRAGE

STERNENMEER.

Eine klare, mondlose Nacht, ideal für eine Lektion in Sachen Sternkunde.
Wirsitzen im Freien, ein Astronom erklärt uns die glitzernden Himmelslichter.

Dazu benutzt er eine Laser-Taschenlampe, deren schmaler, grüner Strahl bis zu den Sternen reicht.
Nur scheinbar natürlich, in Wirklichkeit ist es eine optische Täuschung.
Wir folgen dem Strahl und sehen den Grossen Wagen mit Sternen, die arabische Namen wie
Merak, Phekda oder Dubhe tragen.

Danebender Polarstern als verlässlicher Orientierungspunkt. Weiter wandert der Strahl zur hell leuchtenden
Wega, die zu einem Sternbild mit dem poetischen Namen Lyra gehört.

Jetzt sehen wir auch das zarte Band der Milchstrasse, das sich über den nächtlichen Himmel spannt.

FASZINIEREND.

Die Sterne schicken ihr Licht über unglaublich grosse Distanzen zu uns.
Es kann Jahre, aber auch Jahrhunderte oder Jahrmillionen dauern, bis es auf der Erde ankommt.
So sitzen wir da auf einem Hügel und sehen weit zurück in die Vergangenheit. Es ist still, nur kurz
platzt das Gedudel eines Handys in die andächtige Runde, der Betroffene zieht es verschämt aus
dem Sack, starrt auf den Bildschirm und stellt das Ding ab.

EINE TRÄNE.

Da, eine Sternschnuppe! Jetzt sollte ich mir ganz schnell etwas wünschen, weiss
aber nicht was, und während ich überlege, erlischt die Lichtspur. Zu spät. Ich wünsche mir
trotzdem etwas. Das sei ein Meteor aus der Gruppe der Perseiden, bemerkt der Astronom, auch
Laurentius-Träne genannt. Ich bin gerührt: Da vergiesst der Himmel eine Träne, die meinen Namen
trägt. Ob ich mir wohl das Richtige gewünscht habe? Unterdessen sind wir ganz im Süden
angekommen, beim Skorpion, dessen Hauptstern Antares heisst und fast tausendmal grösser ist als
unsere Sonne.

FRAGEN?

Der Astronom löscht seine Lampe und bittet um Fragen. Ein Herr mit Dächlikappe
meldet sich und möchte wissen, was das für eine besondere Taschenlampe sei. Der Astronom
stutzt, spielt etwas mit der Lampe und erläutert dann, wie sie funktioniert. Es kommt Schwung in
die Runde, munter wird weitergefragt: Ob denn jeder so in den Himmel leuchten dürfe, was die
Lampe koste und wo man sie beziehen könne. Die Nebensache wird zur Hauptsache.

IRRITIEREND.

Worum geht es jetzt: Um die Sterne oder um die Lampe, die auf die Sterne zeigt?
Die Frage berührt Grundsätzliches: Ist das Zeichen wichtiger als das Gezeigte? Die Landkarte
wichtiger als die Landschaft? Das Medium wichtiger als die Botschaft? Die Antwort scheint klar.
Trotzdem wird in Kirche, Gesellschaft und Politik, aber auch im privaten Leben viel über
Taschenlampen diskutiert und gestritten, während das Eigentliche in den Hintergrund rückt.

TRÖSTLICH.

Die Sterne kümmert das zum Glück nicht. Sie schicken weiterhin ihr Licht auf die
lange Reise zu uns. Und manchmal auch eine Träne.

© Lorenz Marti / reformiert. 2008

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s